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„The Danish Girl“ von David Ebershoff

In ihrem vorletzten Beitrag hat Theresa ein Review des Films „The Danish Girl“ geschrieben, den wir vorab sehen konnten und der Januar nächsten Jahres ins Kino kommt. Ich war neugierig und habe mir die Romanvorlage zum Film durchgelesen. Eine Zusammenfassung und Bewertung könnt ihr hier lesen. 

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Zusammenfassung

Einar und Gerta Wegener sind ein Künstlerehepaar im Kopenhagen der zwanziger Jahre. Er ist bereits ein angesehener Landschaftsmaler, während sie noch am Anfang ihrer Karriere steht; die Portraits die sie malt sind eher weniger erfolgreich. Der Roman beginnt mit dem Tag als Gerta ihren Ehemann um etwas Ungewöhnliches bittet: Weil ihr aktuelles Modell, eine Opernsängerin, wegen Proben für ein neues Stück absagen musste, soll Einer gewissermaßen für sie „einspringen“. Da ihr nur noch der untere Teil des Portraits fehlt, soll er bloß schnell Strümpfe und Schuhe anziehen und Modell stehen. Beide wissen nicht dass dieser Tag ihr ganzes Leben verändern wird. Als Einar auch noch das Kleid anzieht, löst es etwas in ihm aus: „In seinem Kopf hörte er plötzlich das leise Weinen eines kleinen, verängstigten Mädchens.“ Überraschend kommt doch noch Anna, die Opernsängerin, dazu; aus Spaß gibt sie Einar den Namen „Lili“.

In die Geschichte eingewebt wird von Gretas Kindheit in Kalifornien erzählt, als Kind von reichen Plantagenbesitzern. Eine Kindheit, beengt von ihren Eltern und der sozialen Umgebung in der sie aufwuchs, weshalb sie als Kunststudentin in Kopenhagen landete und gewissermaßen einen Ozean und Kontinent zwischen ihr und ihrer Vergangenheit brachte. Die Geschichte erzählt auch von Einars Kindheit in einem kleinen Dorf in Jütland, zuerst Halbwaise, später Vollwaise.

Nicht lange nach dem Tag, an dem Einar als Modell einspringen sollte, kommt Greta von einer nicht wirklich geglückten Präsentation ihrer Gemälde zurück und findet zuhause ein ihr unbekanntes Mädchen vor. Es ist Lili. Aber anstatt auszuflippen, zeigt Greta Verständnis und spielt mit, denn am Anfang erscheint es beiden nur als ein Spiel; etwas, das keine Konsequenzen hat. Lili kommt immer öfters, und es ist so, als ob sie eine eigene Person wäre. Bald führen sie fast schon eine Ehe zu dritt. Aber für Greta hat es allerdings auch etwas positives, denn in Lili hat sie endlich das Thema ihrer Kunst gefunden, nachdem die so lange gesucht hat. Nicht zuletzt auch deshalb unterstützt sie ihren Ehemann bedingungslos. Aber für Einar/Lili ist es schon bald alles andere als ein Spiel, sondern bitterer Ernst – am Ende muss einer von beiden für immer verschwinden.

Historischer Hintergrund

Eines vorneweg, dieser Roman, obwohl auf Tatsachen beruhend, ist keine Biografie. Das hat der Autor selbst klar gemacht, die allermeisten Personen sind reine Fiktion. Die Namen wurden zum Teil verändert, genauso wie die Lebensgeschichten. Fakt ist, dass es zu der Zeit einen dänischen Maler namens Einar Wegener gab, der in den Zwanzigern nach sozialer und offenbar auch medizinischer Transition Lili Elbe hieß. Vieles liegt aber im Dunkeln, es ist nicht einmal sicher, wann das Geburtsjahr gewesen ist. Sicher ist allerdings, dass Lili Elbe eine der ersten Patientinnen war, an der eine geschlechtsangleichende Operation durchgeführt wurde, und dass sie nach drei oder vier Operationen starb, nachdem die implantierte Gebärmutter von ihrem Körper abgestoßen wurde. Ob sie wirklich intersexuell war lässt sich heute auch nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

Meine Bewertung:

Es fällt mir etwas schwer, dieses Buch zu bewerten. Es ist auf jeden Fall kein leichter Roman, nichts was man mal eben so nebenbei lesen kann. In erster Linie ist es die Geschichte zweier Menschen, ihrer Schicksale. Ich fand Greta fast schon besser zu verstehen als Einar/Lili, in die ich mich nicht wirklich hineinversetzen konnte. Dieses hin- und herspringen zwischen zwei Personen in ein und dem selben Körper ist mir eher fremd. Ich hatte mich vor längerem, bevor ich mich als transsexuell akzeptiert hatte, als Bigender identifiziert, ich kann also verstehen wie es ist, zwischen einem männlichen und weiblichen Pol zu wechseln. Und auch heute, wenn ich mich an meine Zeit vor der Transition erinnere, ist es für mich so, als ob ich die Erinnerungen meines Bruders sehen würde. Aber so wie es beschrieben wurde, dass Einar und Lili zwei komplett unterschiedliche Personen sind, war für mich wirklich nicht leicht nachvollziehbar.

Noch so ein Punkt, den ich an dem Roman eher schwierig fand, war dass es gar nicht um trans geht sondern um inter. Einar/Lili ist laut dem Buch eindeutig intersexuell, was ja laut offizieller Differentialdiagnostik ein Ausschlusskriterium für Transsexualität ist. Auch wenn der Weg von Inter- und Transsexuellen oft ähnlich ist, stellt sich für mich die Frage der Relevanz für „unsereins“. Am besten kann ich es an einer Szene im Film erklären, und zwar als Einar und Greta zum ersten Mal an einen verständnisvollen Arzt kommen. Beide sagen ihm, dass sie davon überzeugt sind, dass Einar eine Frau ist, und er erwidert darauf sinngemäß: „Und ich glaube dass sie damit recht haben“

Ginge es um trans, wäre diese Aussage revolutionär: Ein Arzt der die Seele, die Empfindung über den Körper stellt; die Identität über das Offensichtliche. Selbst heute noch werden wir von manchen psychologischen Schulen als verrückt angesehen, einfach weil man das Identitäts- bzw. Gehirngeschlecht (noch) nicht sehen kann, während man es bei allen anderen Geschlechtsmerkmalen leicht tun kann. Aber es geht um inter, und da hatte ich das fade Gefühl, dass wieder nur die primitive Gleichung „Ovarien = Frau“ aufgestellt wurde. Im Film wurde nur subtil angedeutet, dass Einar/Lili intersexuell sein könnte, im Buch ist es ganz klar. Das fand ich am Ende leider doch etwas enttäuschend. Ich konnte mich in Einar/Lili nicht hineinversetzen, weil ich selbst außer dem sicheren Bewusstsein, eine Frau zu sein, keinen körperlichen Beweis habe.

Dieses „mulmige“ Gefühl, dass ich beim Lesen hatte, kam allerdings auch durch die vielen medizinischen Beschreibungen, die ich ziemlich beklemmend empfand. Während im Film die erfolglosen Arztbesuche eher amüsant dargestellt wurden, fand ich die Romanvorlage stellenweise erschreckend. Ärzte ohne Mitgefühl, ohne Menschlichkeit, für die die Patienten nicht mehr sind als das, was für den Sammler seine aufgespießten Schmetterlinge sind. Pseudowissenschaft, sinnlose Bestrahlung, Zwangseinweisung, sogar Lobotomie. Ich bin echt froh, dass sich so viel verändert hat.

Soll ich jetzt eine Leseempfehlung geben? Unterm Strich würde ich trotzdem sagen ja. Nur mit der Warnung, dass es kein leichtes Buch ist, eines, bei dem es vor allem um das Schicksal zweier Menschen geht und um die Thematik „inter“, nicht „trans“ geht es eher nur am Rande.

Ich hatte die englische Originalfassung gelesen, die Übersetzung ist leider vergriffen. Allerdings gibt es eine Neuauflage auch der deutschen Version, die am 21. Dezember rauskommt. Es steht zwar „Buch zum Film“ auf der Cover, aber ich nehme mal an dass es der selbe Roman ist.

Die Neuauflage ist im Goldmann Verlag erschienen, unter der ISBN-13: 978-3442472796 (Taschenbuch).

Hi, ich heiße Sophie und bin 25 Jahre alt. Eine der Mitbegründerinnen hat mich überredet als Gastautorin hier zu schreiben und so werde ich in Zukunft immer mal wieder was schreiben, Nützliches und Interessantes (hoffentlich). eMail: sophie@younganddifferent.de.

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