Meine HRT – nach 14 Monaten

Heute würde ich euch gern von den Hochs und Tiefs meiner HRT erzählen, ein bisschen als Ergänzung zu dem, was Theresa schon geschrieben hat. Indirekt auch wegen des etwas heißen Themas Selbstmedikation – ich möchte davon weder abraten noch dazu ermuntern, sondern einfach zeigen dass eine gute HRT nicht so leicht zu erreichen ist und es mit den Hormonen komplizierter ist. Noch vor ein paar Monaten dachte ich noch: „hätte ich nur schon vor Jahren gewusst, dass ich bloß 4 mg Estrifam und 5 mg Androcur nehmen muss, dann hätte ich mir das Zeug auf eigene Faust besorgt“. Dass es eben nicht so einfach ist, begriff ich erst in der letzten Zeit. Deshalb auch als kleine Warnung, dass selbst unter der Aufsicht von erfahrenen Endokrinologen viel schief gehen kann.
Erstmal ein kleiner Überblick zu meiner HRT. Ich bin derzeit (Januar 2016) etwa 14 Monate auf Hormonen. Meine Werte sahen im Lauf der Zeiten so aus:

  • 0 Monate: keine Hormone
    • Estradiol: 57 pg/ml
    • Testosteron: 408 ng/dl
    • Dehydroepiandrosteron: 147 µg/dl
  • 1 Monat: 2 mg Estrifam
    • Estradiol: 110 pg/ml
    • Testosteron: 267 ng/dl
    • Dehydroepiandrosteron: 158 µg/dl
  • 5 Monate: 4 mg Estrifam, zuerst 10, dann 7,5 mg Androcur
    • Estradiol: 160 pg/ml
    • Testosteron: <20 ng/dl
    • Dehydroepiandrosteron: 144 µg/dl
  • 8 Monate: 4 mg Estrifam, 5 mg Androcur
    • Estradiol: 278 pg/ml
    • Testosteron: <20 ng/dl
    • Dehydroepiandrosteron: 157 µg/dl
  • 13 Monate: 4 mg Estrifam, zuerst 2,5 mg, dann ohne Androcur
    • Estradiol: 464 pg/ml
    • Testosteron: <20 ng/dl
    • Dehydroepiandrosteron: 90 µg/dl
  • 14 Monate: 3 mg Estrifam
    • Estradiol: 80 pg/ml
    • Testosteron: 397 ng/dl
    • Dehydroepiandrosteron: 143 µg/dl

Androcur reduzierte ich regelmäßig, weil selbst kleine Menge bei mir stark antriebshemmend waren. Ich konnte mich manchmal nicht mal aufraffen um für die Uni zu arbeiten oder meine Wohnung in Schuss zu halten. Deshalb reduzierte ich Androcur noch weiter auf 2,5 mg, was aber kaum etwas geändert hatte. Als ich im Oktober eine kurze depressive Phase hatte, verzichtete ich ganz auf Androcur. Die Wirkung war erst mal positiv: nach etwa einer Woche, bis der Wirkstoff nicht mehr in meinem Körper war, ging es mir deutlich besser. Antrieb und Motivation waren verstärkt und auch die Depressionen hatten aufgehört. Da mein Östrogenwert ziemlich hoch ist, konnte ich damit rechnen, dass auch ohne Antiandrogen das Testo dauerhaft unterdrückt werden würde.

Anfangs tat mir das gut, aber die Depressionen kamen wieder. Auch der Antrieb war wieder im Keller. Meine Haut wurde wieder grober, die Beine waren spürbar geschwollen und ich hatte öfters Kopfschmerzen. Der Befund nach 13 Monaten zeigte es dann: Selbst ohne Androcur war mein Testo im Keller, obwohl ich erstmal im Verdacht hatte für die ganzen negativen Veränderungen verantwortlich zu sein. Aber das Östrogen ist weiterhin gestiegen, weit über den gesunden Bereich hinaus. Das war dann auch die Erklärung, ich hatte die klassischen Symptome eine Östrogendominanz gezeigt.

Progesteron hat in meiner HRT bisher gefehlt, dabei gehört es zum normalen weiblichen Hormonhaushalt dazu, und ich hatte von vielen Transfrauen gehört, dass es eine positive Wirkung hat. Allerdings sind Endokrinologen in der Regel nicht sehr begeistert davon. Die offizielle Lehrmeinung sagt, dass Progesteron als Gestagen nur dann wichtig ist, wenn eine Gebärmutter vorhanden ist. Und da wir naturgemäß keine Gebärmutter haben „brauchen wir das nicht“. Auf der anderen Seite haben besonders Hormone nie nur einen einzigen Zweck. Unser Körper ist ja keine Maschine, wo ein Knopf genau eine Wirkung hat. Laut vielen Seiten soll Progesteron ein natürliches Antidepressivum sein und eine antagonistische Wirkung zum Östrogen haben – ideal bei einer Östrogendominanz. Obwohl ich das so angesprochen hatte, wollte mein Endokrinologe erstmal nichts davon wissen. Progesterone seien seiner Meinung nach sinnlos, und deshalb sollte ich erstmal Estrifam auf 3 mg reduzieren und dann schauen.

Was ich auch getan hatte, und in der Zeit ging wirklich alles drunter und drüber. Alle paar Wochen hatte ich depressive Einbrüche, oft nur getriggert durch einen Satz den ich gehört oder gelesen hatte. Antrieb und Motivation waren auch nicht besser. Und erst da ist mir aufgefallen, dass sich körperlich seit einem halben Jahr nichts mehr getan hatte. Nach einem ziemlich vielversprechenden Start stagnierte die Entwicklung total. Das klingt vielleicht seltsam, dass mir selbst es erst jetzt aufgefallen ist – aber die Veränderungen sind so schleichend, dass es einem einfach nicht auffällt, wenn man nicht drauf achtet.

Die Erklärung brachte dann der Befund, den ich letzte Woche bekommen hatte: Innerhalb von sechs Wochen ist mein Östrogenspiegel von fast 500 auf weniger als 100 gefallen, während mein Testosteron wieder im männlichen Bereich ist. Darauf hin hat mir mein Endokrinologe, ohne dass ich noch weiter betteln müsste, Progesteron verschrieben. Derzeit bin ich wieder bei 4 mg Estrifam plus 200 mg Progestan. Da ich aber erst seit wenigen Tagen diese Dosis nehme, merke ich noch nichts Großartiges, aber meine Stimmung ist auf jeden Fall besser, und auch meine Umgebung merkt das.

Unterm Strich konnte ich folgendes herausfinden: Durch eine falsch eingestellte HRT ist mein Östrogenspiegel konstant gestiegen, bis ich eine Östrogendominanz erreicht hatte. Das hatte vor etwa einem halben Jahr angefangen, seit dem ich auch in meiner körperlichen Entwicklung stagniere. Den Spezialisten ist leider nichts dazu aufgefallen – ich hatte mehr Hilfe von meinem Therapeuten bekommen, als von meinem Endokrinologen. Deshalb suche ich mir zur Zeit einen anderen Arzt, der meine HRT betreuen kann, denn mein bisheriger Endo wollte mir am Schluss weis machen, dass die Stagnation nicht wegen der Überdosierung kam, sondern weil ich nicht mehr von meinem Körper erwarten kann. Dass es aber schon nach 6 Monaten vorbei sein soll, kann ich wirklich nicht glauben. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Rezeptoren, die auf das Östrogen ansprechen, einfach überstimuliert wurden und so nicht mehr auf Östrogen ansprechen. Das soll sich aber nach einiger Zeit wieder erholen, wenn die Dosis stimmt. Dass diese Theorie gleich als Blödsinn abgetan wurde hat mir nur mehr gezeigt, dass ich dort nicht gut aufgehoben bin.

To put it in a nutshell… auf den Punkt gebracht würde ich sagen, dass eine HRT kein Kinderspiel ist. Wie ihr selbst lesen konntet, ist nicht mal die Betreuung durch einen Endo eine Garantie dafür, dass alles problemlos läuft. Wer sich auf eigene Faust mit Hormonen versorgt, muss wissen was er tut. Wenn ihr euch bei eurem Endo nicht wohl fühlt oder nicht das Gefühl habt dass er sich Zeit nimmt, dann scheut euch nicht zu jemand anderem zu gehen! Ich wurde ein halbes Jahr aufgehalten, und das ist es echt nicht wert. Besonders dann, wenn der Endo behauptet, Progesteron wäre nutzlos. Denn das stimmt mit Sicherheit nicht! Es kann wirkungslos sein, muss aber nicht. Es gibt genug Fälle, in denen es was gebracht hat. Allerdings soll Progesteron am Anfang wirklich keine gute Idee sein, die HRT sollte schon längere Zeit laufen.

Was ich noch erfahren musste war, dass nach so langer Zeit ohne Testosteron ein erneuter Anstieg davon mich psychisch durcheinander gebracht hat. Laut meinem Therapeuten soll das öfters vorkommen. Mich wundert es jetzt nicht mehr, dass ich mich „wie vor der HRT“ gefühlt hatte, denn hormonell war ich tatsächlich wie früher.

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